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Drosselt euch selbst! Ein Kommentar zur Handbremse im Netz

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Es ist schon etwas ironisch: Vor etwa 9 Monaten teilte der Mobilfunk- und Internetanbieter o2 mit, dass man ab 01.07.2014 die DSL-Anschlüsse im Tempo drosseln wird, wenn eine bestimmte Datenmenge übertragen wurde – analog zu praktisch allen aktuellen Datenverträgen über UMTS, LTE und Co. Im Windschatten der ähnlich gerichteten Telekom-Ankündigungen hielt sich der Aufschrei damals in Grenzen. Die nun angekündigte Verschiebung der Einführung um drei Monate ist aber kurz davor einen echten Shitstorm auszulösen. Zurecht? Ein Kommentar.

Die Aufregung an den Plänen von o2 wird sich vor gut einem Jahr ebenfalls in Grenzen gehalten haben, da die geplanten Einschränkungen wesentlich humaner ausfielen als bei der Telekom ursprünglich angedacht. Anbei ein Beispiel zu V-DSL-Verträgen mit 50 Mbit/s:

 Telefonica / o2Deutsche Telekom
Monatliches Datenvolumen mit voller Geschwindigkeit 300 GB 200 GB
Danach Drosselung auf 2 Mbit/s 384 Kbit/s
Besonderheit Drosselung erst ab 4. Monat in Folge über 300 GB -

Letztendlich ruderte die Telekom erst leicht zurück und erhöhte die "Drosselgeschwindigkeit" auf 2 Mbit/s, mit dem Urteil des Landesgerichts Köln vom 30. Oktober 2013 (Az. 26 O 211/13) wurden die Planungen dann vollends beerdigt. Kritisiert wurden im Urteil die geringe Geschwindigkeit von 2 Mbit/s, die auch normale Nutzer stark einschränkt, sowie insbesondere die Verwendung des Wortes Flatrate.

O2 DSL-Tarife im Juli 2014 - Mit Drosselung am 01.10.2014An den 2 Mbit/s ändert o2 in seinen Regularien nichts, vermeidet jedoch konsequent das Wort Flatrate in seinen Verträgen. Die Begründung der meisten Unternehmen fällt jedoch sehr ähnlich aus: Der "durchschnittlicher Internetnutzer verbraucht lt. Bundesnetzagentur nur 21 GB im Monat" heißt es beispielsweise auf der Fair-Use-Infoseite von o2. Dabei bezieht man sich auf den aktuellsten Tätigkeitsbericht Telekommunikation – wie beim Statistischen Bundesamt dauert es aber auch hier sehr lange, bis Daten zur Verfügung stehen. So sind die Zahlen auf das Jahr 2012 bezogen.

Wer bei immerhin 12 Monaten Zeit für einen Bericht sehr detaillierte Informationen erwartet, wird jedoch enttäuscht: Einmal spricht man von "ca. 21 GB pro Anschluss und Monat", in der zugehörigen Grafik "pro Nutzer und Monat". Bei einer normalen Familie mit zwei Kindern ein bedeutender Unterschied. Die Anschluss-Variante dürfte hier jedoch die korrekte sein, denn das Datenvolumen je Nutzer korrekt aufzuschlüsseln (z.B. das Anschauen eines YouTube-Videos zu zweit) erscheint unmöglich. Demgegenüber erscheinen auch ca. 27,5 Millionen Anschlüsse realistisch (583 TB/Monat gesamt bezogen auf die 21,2 GB).

Datenvolumen in Deutschland über Festnetzanschlüssen [Bildmaterial: Bundesnetzagentur]Man könnte nun anfangen die Daten zu extrapolieren und würde auf 35 GB/Monat für das Jahr 2015 kommen. Die Arbeit kann man sich jedoch getrost sparen, denn der Bericht gibt keine Auskunft darüber wie die Daten nun wirklich erhoben wurden. Zählen bei den Anschlüssen sowohl private als auch geschäftliche hinein? Handelt es sich bei den 21,2 GB um einen Mittelwert oder den Median (keines der beiden Wörter taucht in dem 378 Seiten starken Dokument auch nur einmal auf)? Allein diese beiden Fragen verändern die Bedeutung der 21,2 GB wesentlich. Nur die Information, dass die IPTV-Angebote der Telekom nicht eingeflossen sind, gibt es.

Wie so oft ist das Problem, dass es den "durchschnittlichen Internetnutzer" einfach nicht gibt. Ich gehe sogar noch etwas weiter: Kaum jemand in Deutschland wird 2012 21,2 GB im Monat verbraucht haben. Wir haben es hier weder mit einer bimodalen noch Normalverteilung zu tun. Es gibt viele verschiedene Nutzertypen: Von der Oma, die mit den Enkeln E-Mails schreibt und vielleicht mal ein Bild geschickt bekommt, über den "typischen Großstadt-Single" bis zum Power-User, der ein 50-GB-Spiel via Steam lädt und nebenbei ein UHDTV-Video auf YouTube schaut.

Die Spanne dürfte in der Realität also problemlos um den Faktor 1.000 und mehr schwanken – vom Gigabyte, der primär durch Windows-, Virenscanner- und sonstige Updates verursacht wird, bis zu mehreren Terabyte durch Cloud-Services und HD-Videostreams in Mehrpersonenhaushalten. Letztendlich zahlt letztere Gruppe eh höhere Summen im Monat an den Internet-Provider, für schnellere Tarife. Die Frage ist also, welche Gruppe die Provider nun überhaupt erreichen wollen?O2 Infografik zum durchschnittlichen Datenverbrauch - Hier sogar auf Nutzer bezogen Es dürfte wahrscheinlich um die üblichen 1-2 Prozent gehen, die jedoch problemlos 10 Prozent des Gesamtvolumens produzieren. Und genau diese 1-2 Prozent scheinen derzeit auch am lautesten zu schreien – viele (Tech-)Redaktionen eingeschlossen. Dabei geht ein Fakt schnell über Bord: Internetanbieter sind keine Sozialversicherungen. Wer mehr Leistungen beansprucht, muss auch damit rechnen mehr zu zahlen.

Sicherlich besteht auch an den Plänen von o2 noch Nachholbedarf: Eine Absenkung auf 1/5 der Maximalgeschwindigkeit dürfte für viele Nutzer besser zu schlucken sein: Inhaber einer 16-Mbit/s-Leitung könnten damit noch problemlos HD-Videos anschauen, VDSL-Nutzer wären mit 10-40 Mbit/s ebenfalls noch gut versorgt. Natürlich müssen auch die Freigrenzen regelmäßig angepasst werden.

Bevor nun trotzdem ein Shitstorm ausbricht noch ein letzter Denkanstoß an alle Power-User: Denkt bitte nur einmal darüber nach, dass wahrscheinlich über 90 Prozent aller Internetnutzer ordentlich für einen Ausbau der Netze draufzahlen, den nicht sie selbst so schnell brauchen würden - sondern vor allem wir als Power-User!

PS: Viele Anbieter bieten zudem weiterhin "echte" Flatrates an. Wer ohne Limit surfen will, muss im Schnitt 10 bis 20 Euro im Monat zusätzlich berappen und kommt damit selten über 50 Euro – inklusive Telefon-Flatrate und Co.


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