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Lomography New Petzval Lens - Neuauflage des ersten Portraitobjektives im Test

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Auffallen um jeden Preis, historisch wertvoll oder einfach nur überteuert? Die (Vor-)Urteile über Projekte wie die New Petzval Lens von Lomography mögen weit auseinander gehen, doch zumindest das Kickstarter-Projekt (Crowdfunding) gibt den Machern Recht: 100.000 Euro waren als Ziel gesetzt, fast 1,4 Millionen hat man schlussendlich einnehmen können. Was es mit dem Objektiv auf sich hat und ob es den Preis von 549 Euro wert ist erfahren Sie im Test.

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1840 trifft 2014

Um die Faszination der vielen Unterstützer verstehen zu können, muss man geschichtlich kurz ausholen: Josef Maximilian Petzval berechnete um das Jahr 1840 das erste Portraitobjektiv der Welt und erlaubte damit insbesondere kürzere Belichtungszeiten als sie noch mit Lochkameras oder anderen Konstruktionen möglichen waren. Die ursprüngliche Konstruktion sah eine Brennweite von 100 mm und eine Lichtstärke von f/3.6 vor - bezogen auf die damals noch größeren Filme.Lomography New Petzval Lens - Beispielbild | Canon EOS 650D, 85 mm, f/2.2, 1/1000s, ISO-100 Jede der komplexen Berechnungen musste per Hand durchgeführt werden, Beschichtungen (Coatings) waren noch nicht erfunden und damit bedeutete jede zusätzliche Linse - neben immer mehr Rechenaufwand - auch mehr Geisterbilder und weniger Kontrast. Dementsprechend blieb es bei, damals zeitgemäßen, drei Linsen. Zum Vergleich: Ein modernes, durchschnittliches 18-55-mm-Kit-Objektiv setzt auf etwa 11 bis 14 Elemente.Lomography New Petzval Lens - Beispielbild | Canon EOS 650D, 85 mm, f/2.2, 1/1000s, ISO-100 Und natürlich war 1840 auch noch nicht an eine optische Bildstabilisierung (dies hätte neben der notwendigen Elektronik und Mechanik auch mehr Linsen zur Folge gehabt) oder einen Autofokus zu denken. Entsprechend nah hat man sich bei der Reinkrnation versucht ans Original zu halten - gefertigt wird nun jedoch nicht mehr von Voigtländer sondern durch Zenit in Russland.

Fokussierung und Blende

Auch beim manuellen Fokus hat sich Lomography als "Auftraggeber" nicht beirren lassen - anstelle moderner Fokus-Ringe gibt es eine kleine Stellschraube, die eine Linse im Objektiv auf einer Art Zahnradbahn von vorne oder hinten bewegen kann. Der Fokusbereich reicht dabei von rund 1,1 Meter bis unendlich. Mangels heutzutage beinahe abstinenter Mattscheiben gestaltet sich die manuelle Fokussierung über den Sucher jedoch sehr schwer.Lomography New Petzval Lens An etwa gleicher Stelle wie die Fokus-Skala befindet sich der Einschub für die mitgelieferten Blenden von f/2.2 bis f/16 (in 1-EV-Schritten) zuzüglich Kunstblenden (Sternen- und Tropfen-förmig). Letztere dürften 1840 eher nicht zur klassischen Ausstattung eines Fotografen gehört haben, sie beizulegen macht aber trotzdem Sinn. Wer sie nicht nutzen will, muss sie nicht einmal auspacken, wer mag kann so experimentieren und die Wirkung der Blende womöglich ganz neu für sich entdecken.

Bildqualität und Videomodus

Wir nehmen es direkt vorweg: Wer gestochen scharfe Bilder, gar bis zum äußersten Bildrand hin, erwartet, der bekommt für den geforderten Preis weitaus bessere Objektive. Denn die Petzval-Konstruktion prägt aufgrund ihrer Einfachheit einen ganz besonderen Bildstil, der sich (derzeit) auch nicht mit Effektfiltern nachbilden ließe.Lomography New Petzval Lens - Beispielbild | Canon EOS 5D III, 85 mm, f/2.2, 1/640s, ISO-100 Charakteristisch ist die zum Rand hin stark abnehmende Bildschärfe sowie das mächtige und unruhige Bokeh, welches jedoch sanft von den scharfen zu den unscharfen Bereichen hin übergeht. Ein Nachteil ergibt sich hier in der Bildkomposition, da Objekte im goldenen Schnitt, zumindest am Vollformat, bereits deutlich im unscharfen Bereich liegen. Diesen Bildstil mag man oder man mag auch nicht - unverwechselbar ist er in jedem Fall.

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Wer das Objektiv zum Filmen nutzen möchte, sollte sich irgendeine Art der Stabilisierung überlegen, denn ohne Bildstabilisator ist eine Brennweite von 85 mm (insbesondere an DSLR-Kameras mit Crop-Sensoren) nicht mehr ruhig zu halten. Hier bietet sich ein festes Stativ genauso an wie diverse Schwebestative.

Fazit und Empfehlung

Es fällt schwer sich objektiv über die New Petzval Lens zu äußern. Auf der einen Seite steht der Spaß, die Neugier mit der Blende zu spielen und nicht zuletzt natürlich die Nostalgie einer solchen Konstruktion. Für den praktischen Einsatz mangelt es an heutigen Kameras jedoch zumindest an einem Autofokus um produktiv zu arbeiten.Lomography New Petzval Lens Wer eine DSLR-Kamera mit wechselbarer Mattscheibe sein Eigen nennt und vornehmlich im Portraitbereich unterwegs ist könnte jedoch auf seine Kosten kommen. Wer nicht auf Kickstarter in das Projekt investiert hat kann planmäßig ab Juni ein Modell der Lomography New Petzval Lens erstehen - preislich stehen 549 respektive 649 Euro für die Variante in Messing und der schwarz eloxierten Version im Raum.


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