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'Die tägliche Dosis Gift' oder 'Ab in die Abfalltonne'

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Sehr interessiert habe ich das Buch als Geschenk bekommen, gespannt war ich auf das, was da interessantes kommen möge. Bereits die sehr knappe Autorenbeschreibung und das Trittbrettfahrer-Vorwort machten mir dann aber eher Angst als Lust aufs weiter lesen – Aber man soll ja Allem und Jedem eine Chance geben.

Noch kurz vorweg: Ich arbeite selber hauptberuflich im Bereich Toxin- und Schadstoffanalytik, speziell in Lebensmitteln und Alltagsgegenständen. Meine Aufgabe ist es u.a. an der Entwicklung neuer Verfahren mitzuwirken – Verbraucherschutz im weiteren Sinne also.

Fundiertes Halbwissen

Bereits ganz zu Beginn unter dem Punkt „Die asiatische Bedrohung“ (eine von zahlreichen, leicht rassistischen Anspielungen im Buch – zumindest wenn man sich ansieht wo viele der „Giftfabriken“ stehen) wird ersichtlich, das sich der Autor abseits seines Kompetenzbereiches bewegt. Keine Frage, Biologie ist ganz gewiss eine Stärke von Herrn Oberbeil – Im Bereich chemischer Analytik kann man hingegen nur von fundiertem Halbwissen sprechen, wenn überhaupt.

Der Satz: „[…] etwa die Amtliche Sammlung von Untersuchungsverfahren nach § 64 des Lebensmittelgesetztes, gelten möglicherweise bald gar nicht mehr als kompetent.“ ist ein gutes Beispiel dafür. Als kleine Formsache vorweg, müsste es korrekt „Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch“ oder LFGB heißen – so viel Platz wäre auf den 256 Seiten sicherlich noch gewesen. Viel schwerwiegender dann aber die Unterstellung, die Verfahren könnten bald nicht mehr ausreichen. Der Mann scheint keine Sekunde mit Recherchen verbracht zu haben, wie viel Zeit und Geld unser Staat sowie private Analyselabore für die stetige Weiter- und Neuentwicklung sowie anschließende Standardisierung entsprechender Verfahren investieren.

Falschinformationen

Wirklich gefährlich, im Sinne von Fehlinformationen, wird es spätestens im Abschnitt: „Jung und Alt, Stadt und Land: Toxine überall“. Dort startet der Autor direkt mit einem Statement, welches wie immer ohne jegliche Quellenangabe das blinde Vertrauen des Lesers fordert: „Interessanterweise ist es keineswegs so, dass sich Umwelttoxine mit zunehmenden Alter im Körper anreichern.“ – Direkt danach bezieht er sich auf perfluorierte Chemiekalien und bromierte Flammenschutzmittel wie HBCD, die nachweißlich bioakkumulative und persistente Eigenschaften aufweisen und sich so in der Nahrungskette anreichern. Auch war z.B. HBCD schon lange vor Erscheinen des Buches für viele Produktgruppen verboten und ist nur noch für solche zugelassen, für die es bisher keine ökonomischen und weniger toxische Alternative gibt.

Ich könnte die Liste der inhaltlichen Fehltritte weiter fortführen, aber ich denke diese beiden Beispiele reichen bereits zur Veranschaulichung.

Fässer ohne Boden

Was dem Fass dann aber den Boden ausschlägt, ist das ständige Gerede von Laborgiften, Chemiegiften, Umweltgiften, Verseuchung, Produktionsmaschinerie für Toxine und Anschuldigungen wie: „Gift und Schadstoffe sind ihre [der Vertriebsstrategen aus Wirtschaft und Industrie] besten Verbündeten, […]“. Der Autor schafft es an keiner Stelle, auch nur ein einziges Mal, den Nutzen der sogenannten „Gifte“ darzustellen, welche Erfolge der Menschheit durch all die neuen Chemikalien möglich wurde. Sie könnten weder meine Kritik, noch das Buch ohne all diese „Gifte“ lesen, nicht mit Verwandten telefonieren, mal schnell in den Urlaub fahren, einen Film schauen oder ein ganzes Abendessen in nur 45 Minuten zubereiten. Sicherlich muss über unseren Umgang mit neuen Stoffen und Entwicklungen eine Debatte geführt werden, dieses Buch erinnert jedoch weit mehr an Hexenverbrennung als an dafür nötiger, neutraler und fundierter Wissenschaft.

Heuchelei

Um meinen Kritikpunkt der Heuchelei aufzugreifen, wie bereits erwähnt ist für den Autor jede Art von „nicht natürlichen“ Chemikalien Gift und praktisch ohne Relevanz, trotzdem kommt das Buch mit einem bunten (also vor giftigen Farben strotzenden) Hochglanz-Cover (Kunststoff-Gifte vorprogrammiert) daher, einem geklebten Buchrücken (Kleber… pures Gift!) und wurde an einem PC geschrieben – so viel unterstelle ich mal – und Computer sind nun mal der Inbegriff von giftige Substanzen.

Hätte der Autor also das, was er in seinem Buch schreibt, selber korrekt vermitteln wollen, dann hätte er ein weißes Buch, ohne Kleber, ohne Druckerschwärze und ohne mit Hilfe von Chemikalien hergestelltem Papier veröffentlichen sollen. Denn das ist das Buch: Papierverschwendung , Umweltverschmutzung und Gift für eine sachliche Diskussion, die uns weiter bringt!


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