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Die Google Glass’erne Gesellschaft

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Was war die Vergangenheit nicht schön… Man konnte sich in der Öffentlichkeit bewegen ohne dabei ständig vom gesamten Spektrum an Funkfrequenzen bestrahlt zu werden, drei Stunden im Restaurant auch ohne Smartphone und Tablet, dafür mit umso mehr Konversation verbringen, das Essen war eh besser und für die Reise von München ins kleine Berlin brauchte man mit dem Pferd auch nur wenige Tage. Früher war alles besser?

Google Glass (Quelle: Google)Wie Sie es an der Einleitung bereits erkennen mögen: So ganz ernst ist vielleicht nicht jeder Stichpunkt gemeint, wenn auch das Essen sicherlich besser war, aber ich schweife ab. Thema heute soll Google Glass sein.

Was ist Google Glass

Auch wenn das Thema medial bereits schon oft thematisiert wurde, wird es dem Einen oder Anderen vielleicht doch neu sein. Das Konzept ließe sich Umgangssprachlich wahrscheinlich am besten mit dem Wort „Cyberbrille“ beschreiben. In unser natürliches Gesichtsfeld werden mittels eines HUD (Head-up-Display) Informationen aller Art eingeblendet.

Die nächste U-Bahn vom vor uns liegenden Bahnhof (Stichwort Augmented Reality), das Navigationssystem, die Übersetzung von Texten (beispielsweise Straßenschilder oder Etiketten an Lebensmitteln im Ausland) oder schlicht die aktuelle Uhrzeit? Kein Thema! Es geht aber auch wesentlich multimedialer: Die brillenähnliche Konstruktion bringt ein Mikrofon sowie eine Kamera mit.

Google Glass (Quelle: Google)Gerade zu Silvester wo anders als die Liebsten daheim? Kein Thema, denn das Video lässt sich einfach übertragen und die Gegenseite, sofern selbst vor einer Webcam sitzend oder natürlich auch via Google Glass mit dem WWW verbunden, einblenden. Klingt das nicht toll? Ich finde ja schon!

„Ich will nicht gefilmt werden!“

Nun gibt es hier und da aber durchaus die Fraktion der Fortschrittsverweigerer, Datenschützer und selbsternannter Moralaposteln. Mein bisher liebstes und auch nicht zu selten gelesenes Argument: „Ich will in der Öffentlichkeit nicht überall gefilmt und fotografiert werden – Ich habe auch meine Privatsphäre!“. Merken Sie etwas? Öffentlichkeit, Privatsphäre… Das passt schon vom Wortsinn her nicht zusammen.

Google Glass (Quelle: Google)Nun muss man zwei Dinge grundsätzlich trennen: Das Recht, Bilder und Videos zu erstellen und das Recht selbige anschließend zu veröffentlichen, beispielsweise auf YouTube oder facebook. Was gemeinhin gerne einmal genauso vermischt wird wie Garantie und Gewährleistung, ist auch hier grundlegend verschieden geregelt.

Hüja! Paragraphenreiterei

Fotografieren und Filmen darf man prinzipiell erst einmal so ziemlich 'Alles und Jeden', sofern es denn nicht gegen geltendes Recht verstößt. Da wären beispielsweise das Hausrecht (betreten von Privatgelände), das Militärgeheimnis/Staatsgeheimniss oder ob die Aufnahmen eher als Belästigung (Stalking) anzusehen sind. Ist dies nicht der Fall, darf man jedoch prinzipiell genauso in fremde Gärten hinein fotografieren wie ein Kind auf dem Spielplatz ablichten - wenn man beim Gartenbeispiel auch vom Einsatz von Tele-Brennweiten absehen sollte.

Knifflig wird es nun beim Veröffentlichen, auch wenn der Begriff mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht beim schlichten Streamen an Bekannte oder generell eine kleine Gruppe zu gebrauchen ist. Denn zwar sagt der § 22 KunstUrhG eindeutig:

Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. […]

relativiert dies jedoch einen Paragraphen später für, unter anderem, folgende Fälle:

Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen […] Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben

Zwar gibt es allein zum Thema: „Was ist Beiwerk, was nicht?“ immer wieder diverse Urteile. Fakt aber bleibt: Wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, müssen wir damit rechnen von anderen Menschen, in irgendeiner Form, aufgenommen zu werden und dass diese Aufnahmen anschließend auch öffentlich zu sehen sind. Ein einziger Satz à la Simpsons: „Ha Ha, schau Dir den mal an!“ kann aus einem Beiwerk aber schnell keines mehr machen.

Gesichtserkennung und Co?

Soweit zu den vom Nutzer mehr oder minder direkt beeinflussbaren Dingen. Problematisch wird es bei Themen wie einer integrierten Gesichtserkennung. Denn hierzu schweigt sich auch Google noch eher aus und auch ist die Entwicklung der Software noch nicht abgeschlossen.Google Glass (Quelle: Google) Bevor es wieder zu einem Desaster wie dem „zufälligen“ Sammeln von W-LAN-Daten während der Google StreetView-Aufnahmen kommt, haben acht US-Amerikanische Abgeordnete direkt einen kurzen Fragenkatalog an Google-Chef Larry Page adressiert. Mit dabei Fragen zur Privatsphäre, Gesichtserkennung, Privatsphäre bei Apps von Drittanbietern und mehr. Google wird gut beraten sein selbigen rasch und klar zu beantworten, denn mit zunehmenden Fortschritt werden auch die weniger kritischen Mitbürger zunehmend vorsichtiger – zurecht.

Die gläserne Gesellschaft?

Zyniker und Verschwörungstheoretiker wetzen bereits die Messer: „Die Geheimdienste lassen die Sektkorken knallen – Jeder Mensch wird zur laufenden Überwachungskamera“. Zugegeben, vollkommen abwegig ist auch dieses Szenario nicht, eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung dürfte jedoch auch mit den größten Rechenzentren dieser Tage nicht effektiv auszuwerten, geschweige denn zu speichern sein.Google Glass (Quelle: Google) Am Ende wird es wie mit jeder technischen Entwicklung enden: Der anfängliche Mix aus Euphorie und Angst wird mit den Jahren einer nüchternen Benutzung und Integration in unseren Alltag weichen. Denn Google Glass, die Cyberbrille generell, ist am Ende nichts weiter als das Smartphone-Display vor den Augen mit einer veränderten Eingabe in Form von Spracherkennung.

Fotos und Videos von Jedermann zu erstellen und zu veröffentlichen: Das sollte niemandem Angst machen, denn das können wir bereits heute und auch nicht erst seit gestern. Die Gefahr der missbräuchlichen Nutzung ist lange vorhanden, bisher haben wir dies als Gesellschaft aber zu verhindern gewusst. Und hier sollte die eigentliche Debatte ansetzen: Wie müssen wir uns als Gesellschaft entwickeln? Denn der technische Fortschritt wird so oder so nicht Halt machen.


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