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Slush 2018 - Die Probleme von heute mit Technologien von morgen lösen

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Wenn es dunkel, nass und kalt wird, geht es für die Technikwelt seit einigen Jahren nicht mit den Zugvögeln in den warmen Süden, sondern auf in den hohen Norden, nach Helsinki. Dort findet seit 2008 die SLUSH statt, eine der mittlerweile größten Start-Up- und Technik-Konferenzen der Welt.

Testbild Tamron SP 15-30 mm f/2.8 Di VC USD G2 + Canon EOS R | 19 mm, f/3.2, 1/40 s, ISO-800

Wie jedes Jahr ist das Themenspektrum weit gestreut: Von reinen Business-Themen wie Performance Marketing über Grundlagendiskussionen zu Themen wie Augmented Reality (AR) und Smart Cities bis hin zu neuen Produkten, die durchaus das Potential haben die Welt zu verändern.

Sulapac – die Kunststoff-Revolution

Ein Beispiel für letzteres ist ohne Zweifel Sulapac. Das finnische Startup hat einen Kunststoff entwickelt der, wie könnte es in Finnland anders sein, primär aus kleinen Holzchips (bzw. anderen Abfallprodukten wie Sägespänen) und abbaubarem Kleber besteht. Das Material kann wie gewöhnlicher Kunststoff in existierenden Maschinen verarbeitet werden (Spritzguss, Extruder etc.), hat nach dem Auskühlen eine ähnliche Härte und Oberfläche wie Keramik, ist Ölfest, undurchlässig für Sauerstoff und eignet sich so auch als Verpackung für Kosmetik, Lebensmittel und vieles mehr.

Ein Highlight der Slush 2018: Der kompostierbare Einweg-Strohhalm von Stora Enso in Kooperation mit Sulapac [Bildmaterial: Stora Enso]

Der wahre Clou: Das Material kann im Biomüll entsorgt werden und löst sich laut Hersteller in knapp drei Wochen auf. Sollten die Produkte trotzdem einmal im nächsten Fluss oder Ozean landen, zersetzt sich das Material auch hier binnen einiger Monate und hinterlässt keinerlei Mikroplastik.

Insbesondere das zuletzt von der EU beschlossene Verbot von Einwegkunststoff sorgt dafür, dass sich Solapac in den kommenden Jahren auf den europäischen Markt konzentrieren will und die grundlegende Technologie an weitere Partner lizenzieren. Auf der Slush wurde ein erstes Ergebnis präsentiert: Ein Einweg-Strohhalm von Stora Enso, dem größten Papier- und Verpackungsmittelhersteller der Welt. Im ersten Test hielt der Strohhalm problemlos anderthalb Stunden in warmen und kalten Getränken, ohne dabei aufzuweichen.

Die Mobilität von Morgen

Auf einer der großen Vortragsbühne der SLUSH, der Evergreen Stage, diskutierten Bodil Eriksson von Volvo Car Mobility (das Unternehmen hinter Volvos Projekt „M“) und Rajil Kapoor vom Uber-Konkurrenten Lyft über die Zukunft der Mobilität. Die Mischung sorgte dabei leider für eine primär MIV-getriebene (motorisierter Individualverkehr) Blickrichtung, die das große Feld des öffentlichen Personenverkehrs (ÖPNV) weitestgehend ausgeklammert hat.

Immerhin ging es weniger um die ferne Zukunft (Stichwort: Flugtaxis), sondern um aktuelle Probleme und greifbare Lösungsansätze. Lyft setzt dabei vor allem auf einen, im Vergleich zu Uber und ähnlichen Diensten, breiteren Mix aus Verkehrsträgern. Neben dem quasi-Taxi-Angebot ist Ridesharing bereits in vielen Städten verfügbar und erlaubt auch das Teilen von (Großraum-)Taxis. Aber auch Leihräder, E-Scooter, ÖPNV-Angebote und nicht zuletzt „ein paar Meter zu Fuß“ könnten Schritt für Schritt in die App integriert werden, wenn auch zumeist mit dem Hintergedanken die „letzte Meile“ nach dem Ridesharing zu überbrücken und damit weiterhin im Kern auf (ggf. auch autonome) Autos zu setzen.

Testbild Tamron SP 15-30 mm f/2.8 Di VC USD G2 + Canon EOS R | 15 mm, f/4, 1/25 s, ISO-800

Volvo Car Mobility will mit “M” kein Konkurrent zu Uber, Lyft und Co werden, sondern die Nutzung des „eigenen Autos“ verändern. Vor allem in Städten lassen Autobesitzer ihren Privatwagen immer öfter stehen. In Zahlen verbringt ein Privatwagen bis zu 96% der Lebenszeit im Stehen. Staus und die Parkplatzsuche sind dabei zwei der wichtigsten Ursachen. Wie genau „M“ das Problem lösen soll, wollte oder konnte Eriksson jedoch nicht erklären. Bisher bekannte Details klingen am Ende wenig innovativ und eher nach klassischem Carsharing à la car2go, DriveNow und Co – nur eben von Volvo.

Das große Problem an der Diskussion: Mittlerweile kommen immer mehr StudienQ zu dem Ergebnis, dass Carsharing, Uber, Lyft und Co primär ÖPNV-Nutzer und Radfahrer zum (partiellen) Umstieg aufs Auto bewegen, nicht Autobesitzer zum Verkauf ihres Privatwagens – auch als Kannibalisierungseffekt oder Bequemlichkeitsmobilität bekannt. Das erzeugt mehr statt weniger Autoverkehr, macht ÖPNV-Angebote weniger rentabel und produziert damit neue Probleme, anstatt vorhandene zu lösen.

Die Städte sind am Zug

Deutlich fortschrittlicher und zukunftsweisender war die Diskussion, an der auch Jan Vapaavuori, derzeitiger Bürgermeister der Stadt Helsinki, teilnahm.

Globale Themen wie der Klimawandel müssen auch auf lokaler Ebene angegangen werden. Der Schritt hin zu intelligenten Städten, sogenannten Smart Cities, ist dabei seit Jahren im Gespräch und lässt sich in Finnland immerhin im „Modelmaßstab“ (lies: einzelne Stadtteile) beobachten. Dabei sieht Vapaavuori Themen wie Sicherheit weit oben, aber auch das Vertrauen der Menschen in die staatlichen Institutionen und den Umgang mit gewonnen Daten. Mehr Transparenz auf vielen Ebenen sei folglich eine wichtige Grundlage und Demokratie ein schützenswerter Prozess zur Entscheidungsfindung.

Testbild Tamron SP 15-30 mm f/2.8 Di VC USD G2 + Canon EOS R | 15 mm, f/3.2, 1/30 s, ISO-800

David Wallerstein vom chinesischen Internet-Unternehmen Tencent regte abschließend noch an, dass Städte aktiver auf Startups, Wissenschaft und Universitäten zugehen sollten, wenn es um die Lösung lokaler Probleme geht. Neben der Stärkung lokaler Wissenschaftsstandorte durch Förderprogramme ließen sich erfolgreiche Lösungen womöglich auch global exportieren.


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